Anpassung

Ich habe meine ganze Kindheit und halbe Jugend aber doch mehr oder weniger so getan, als ob es für mich das Leichteste und Selbstverständlichste auf der Welt sein würde, sozusagen das Natürliche, allen Erwartungen zu entsprechen. Vielleicht aus Schwäche, vielleicht aus Mitleid, aber ganz sicher, weil ich mir nicht zu helfen wusste.

– Hannah Arendt

Hannah Arendt: „…als ob es für mich das Leichteste und Selbstverständlichste auf der Welt sein würde, sozusagen das Natürliche, allen Erwartungen zu entsprechen.“

Das geht nicht nur dir so, Hannah. Diesen „Mechanismus“ kennen wir alle – die Einen mehr, die Anderen weniger genau. Und einige von uns haben ihn überhaupt noch nicht bemerkt. 🤗

Die Natur hat diesen genauso erfolgreich installiert, wie das Selbsterhaltungs-Verlangen oder den Geschlechts-Trieb. In einer weitgehend unbewußt lebenden Gesellschaft hat er eine wichtige Funktion: Er sorgt für einen möglichst reibungslosen Zusammenhalt.

Sein Name ist Anpassung und ihr Charakter schwankt individuell zwischen Neigung zur Anpassung und blanker Angst.

Anpassung kommt mit wenig Geistiger Reife zurecht. Sie braucht keine Weisheit und kaum Intelligenz, bloß ein wenig Cleverness.

Das ist der Grund, warum einerseits die stärkeren (robusteren) und andererseits die reiferen Menschen aus diesem Muster ausbrechen und ihr eigenes Ding machen müssen.

Und darum fühlst du dich – wenigstens in der Rückschau – mit deinem Verhalten unwohl. Du spürst, daß das Anpassungs-Verhalten so gar nichts Erhabenes an sich hat; im Gegenteil: Oftmals funktioniert es sogar unterhalb des Wertes der Würde.

Der Gehorsam (offen oder versteckt) ist das wichtigste (stärkste) Modul der Anpassung. Weniger dramatisch zeigen sich andere, wie beispielsweise Tradition oder Etikette. 

Stärke oder Schwäche von Gehorsam sind Anzeichen
der Höhe der Reife der Individuen einer Gesellschaft.

Viel Spaß beim Aufspüren von Mustern der Anpassung im eigenen 😲 Verhalten.

Unter den Menschen gibt es viel mehr Kopien als Originale.

– Pablo Picasso

Nur wenn wir sehr bewußt, wenn wir sehr aufmerksam sind, können wir an uns selbst und an anderen Menschen dieses Phänomen beobachten: Im kollektiven Unbewußten – dem sich niemand entziehen kann, das uns alle betrifft – steckt das starke archaisches Bedürfnis nach Anpassung.

Anpassung regelt
die Zugehörigkeit.

Eines der (über-) lebenswichtigen Grundbedürfnisse des Individuums ist es, im Rahmen der jeweiligen Gruppe möglichst unauffällig zu sein und zu bleiben. Denn ob zugehörig, Außenseiter, „schwarzes Schaf“ oder gar ausgestoßen zu sein, entscheidet – wenn wir auf unsere Psyche hören – über Leben oder Tod.

In der Öffentlichkeit halten wir unsere Kleidung und alle anderen Gesten unter strengster Kontrolle. Wir bemerken es nicht einmal, aber die Wichtigkeit, unsere größte Aufmerksamkeit widmen wir – in Bezug auf unsere menschliche Umgebung – der Unauffälligkeit.

Schwarzes_Schaf

Den „bunten Vogel“ (Auffälligkeit) gestatten wir uns nur selten – außer jemand hat das starke Bedürfnis, von den Vielen gesehen zu werden. Im Karneval ist der „bunte Vogel“ bereits wieder Part der Unauffälligkeit. 

„Es allen Recht machen zu wollen“, oder zu glauben, es allen Recht machen zu müssen, berührt ein weit verbreitetes Phänomen, nämlich das Bedürfnis nach anerkannter Zugehörigkeit. Aus ihm resultiert das Bedürfnis nach Anpassung. In einem unbewußten Umfeld dient es (instinktiv) dem Überleben des „Rudels“.

Das Anpassungsbedürfnis verliert seine Stärke erst durch entweder eine erhöhte Energie des Individuums (z.B. Drängen in Richtung Dominanz) oder durch Bewußtheit.

In der Entwicklung unserer Geistigen Reife bleiben wir meist viel zu lange in der Falle der Anpassung stecken.

Es ist die uns lähmende
Angst vor der Freiheit.

Wer sich dieser Angst nicht stellt, also den Rebellen (3) in sich nicht zum Zuge kommen läßt, wird zeitlebens in dieser Falle, „es allen Recht machen zu wollen“, stecken bleiben. So halten wir uns klein und beschneiden uns selber in unseren Möglichkeiten.

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Sanfter Gehorsam

Teil der Anpassungsbereitschaft ist der sanfte Gehorsam, teils auch „vorauseilender Gehorsam“ genannt. Diese uns harmlos erscheinende Komponente ist bereits einer der Grund-Bausteine des sogenannten „Bösen“.

Sanfter Gehorsam = ist die freiwillige Erfüllung einer formulierten oder vermuteten Erwartung.

Der sanfte Gehorsam entwickelt seine Funktionalität schon über den Wunsch, daß sich alle Beteiligten gut fühlen mögen. Eine Forderung nach Erfüllung von Erwartung muß noch gar nicht formuliert worden sein.

Dieser Friedenswunsch hat eine solche Wirkmächtigkeit, daß erste Anzeichen von Unstimmigkeit nicht gesehen – oder ignoriert und übergangen werden.

Weit wichtiger zu sein scheint es, den „starken Mann“, die lauteste Person oder die Gruppe als Ganzes…

  • gut zu stimmen
  • nicht verprellen wollen
  • um des lieben Friedens willen
  • deren Freundlichkeit erhalten wollen

Das eigene Wohlbefinden wird nötigenfalls zugunsten des „Allgemeinen Friedens“ zurück gestellt (siehe geschlagene Frauen / Frauenhaus-Problematik).

Klare Fehlentscheidungen anderer werden „übersehen“ oder künstlich gerechtfertigt. Man beruft sich auf Konvention, auf Tradition, auf Pflicht, man findet sich ab und sieht weg.

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Souveränität & Anpassung

Der gereifte Mensch wird sich nicht (mehr) anpassen. Er wird auch keine Anpassung erwarten. Und er wird nicht rebellieren: Er fließt mit dem, was ist.

Rebellion = ist das verzweifelte Darauf-aufmerksam-machen, daß man sich viel zu lange angepaßt hatte, daß die Balance schon seit längerem nicht mehr stimmt.

Sie ist Indiz für Unreife. Wer sich in einer Beziehung als schwach sieht, wird irgendwann rebellieren.

Ist der Mensch gereift, wird er sich in allen Begegnungen souverän (auf Augenhöhe) bewegen ― oder er wird einfach gehen.

Die Souveränität wird die Anpassung ablösen.

Der reife Mensch fordert, erwartet
und erlaubt… keine (An-) Bindung!

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Wohlverhalten

Die meisten Menschen bevorzugen innerhalb
einer Gruppe – instinktiv – das Wohlverhalten.

Ausnahmen bilden Renitenz (3) auf der einen und Weisheit (6) auf der anderen Seite.

Wohlverhalten = ist die (zwar uneingeforderte, aber vorausgesetzte) Erfüllung erwarteten Verhaltens.

Die psychologisch stärkere Person bestimmt, welche Regeln  s i e  bestimmt und welche die jeweils andere bestimmen darf. Wir nennen das Toleranz.

Toleranz  📌

Milgram-Experiment

Im Zusammenhang mit der Bewertung des Milgram-Experiments ist viel von „Gewissen“ die Rede.

Gewissen = ist ein internalisiertes moralisches Konglomerat und disqualifiziert sich als wissenschaftlicher Begriff folglich von selbst.

Ein Kriterium, das in der Analyse des Experiments dagegen schmerzlich fehlt, ist das der Geistigen ReifeSolange wir diese bei der Auswertung der Experimente außer Acht lassen, werden wir das Potenzial in den Aussagen der Ergebnisse nicht einmal annähernd verstehen können.

Milgram+B30

Wie alle Entdeckungen, so ist auch diese dem frei entscheiden könnenden Menschen in die Hand gegeben. Also sind auch die Ergebnisse des Stanley Milgram sowohl für das Verstehen psychologischer Phänomene zu gebrauchen, als auch… für dunkle Zwecke.

Die Arbeit der Menschen, die zum Beispiel die Bewaffnung der Drohnen leiten, welche Menschen aus großer Höhe töten, scheint 1:1 aus dem Experiment übertragen worden zu sein: Es wird den „Probanden“ von den hinter ihnen stehenden Kommandeuren fast lediglich nahegelegt, den Knopf zu drücken, nicht einmal befohlen. Und es funktioniert.

Die lebenslang bestehen bleibende psychische Situation der Täter/Probanden läuft unter „Kollateralschaden“.

Geistige Reife  📌

Elemente der Anpassung

Die Anpassung hat zwei Seiten. Die eine Seite ist die Erwartung von Anpassung, die andere ist die Bereitschaft zur Anpassung. Diese beiden Elemente der Anpassung sind eine Art Zwillingspaar: Sie können nicht ohne einander.

Erwartung  von  Anpassung
Bereitschaft zur Anpassung

Je stärker die Bereitschaft zur Anpassung gegeben ist, desto weniger drastisch zeigt sich die erwartende Seite – und umgekehrt: Bröckelt die Bereitschaft, oder bildet sich gar Renitenz, wechselt die Erwartung zur Forderung, nächstens zur Drohung mit Konsequenzen und schließlich zur Durchsetzung.

1.0. Moral
1.1. Pflicht
    2.0. Gehorsam
        3.0. Wohlverhalten
            4.0. Konvention
            4.1. Tradition
            4.2. Etikette

Eine hohe Bereitschaft zur Anpassung korreliert mit einem hohen
Grad an Bedürftigkeit; sie kann sich in mehreren Facetten zeigen:

Zugehörigkeit
Beachtung
Anerkennung
Belohnung
Zuwendung
Frieden (scheinbare Harmonie)

Wem die Anpassung von großer Wichtigkeit ist, kann auf Freiheit, auf Souveränität, auf Authentizität und auf Würde recht gut verzichten.

Erst mit wachsender Reife formen sich Erkenntnis und Mut – die Voraussetzung für den Wandel zum auch geistig autonom handelnden Menschen.

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Test

Für denjenigen der glaubt, das „Thema Anpassung“ ginge ihn nichts an, er oder sie sei doch schließlich kein Spießer, hier drei Vorschläge zur Auswahl für ein kleines Experiment:

Ein zehn-minütiger Spaziergang
in einer belebten Einkaufszone…

A – mit ohne Hose
B – mit nach vorn ausgestrecktem Arm
C – mit einem Finger in der Nase

…funktioniert auch auch im eigenen Dorf.

Viel Spaß dabei! 😎

So, oder mit anderen kleinen Verhaltensänderungen können wir prima experimentieren, um mal zu spüren, wie eigenartig bis unangenehm es sich anfühlt, wenn wir im Gestus nur ein ganz klein wenig von unserem üblichen Verhalten in der Öffentlichkeit abweichen und damit eine erhöhte Aufmerksamkeit bei den Mitmenschen bewirken – oder auch nur vermuten.

Auf diese Weise bekommen wir eine ungefähre Ahnung bezüglich unserer (uns meist nicht bewußten) Anstrengungen, die wir draußen aufbringen, um bloß nicht aufzufallen.

Wir wollen nicht aus
dem Rahmen fallen.

Kategorie  Gehorsam  📌

Konvention 

Das Genie entzieht sich den Konventionen und sieht die Dinge selbst an.

— Sully Prudhomme

Man muß nicht ein Genie sein, um sich die Dinge selber, auf seine eigene Weise anzusehen. Es gebietet die Intelligenz, das zu tun.

Einwand: „Ein Freund von mir formulierte … „Keine Grenze, die ich mir nicht selbst auferlegt habe.“

Das erkennen zu können und die Verantwortung dafür übernehmen und nicht auf vermeintliche Autoritäten (wie z.B. „Vater Staat“) abschieben zu wollen, setzt eine gewisse Wachheit voraus.

Einwand: „sich selbst in den Spiegeln sehen zu können und zu wissen, die Regelung, der ich unterworfen bin (oder mich unterworfen habe), ist sinnvoll.“

Doch auch dann, wenn sie unsinnig zu sein scheinen, macht es Sinn, sich den Konventionen, Regeln, Geboten, Gesetzen nicht ständig entgegen zu stellen. Das kostet unglaublich viel Energie, besorgt unnötige Schürfwunden und stellt uns auch noch ins Abseits.

Es geht um die bewußte Abwägung
zwischen Freiheit und Anpassung.

Einwand: „manchmal ist es Zeit zu hinterfragen und zu sehen, was HINTER der Grenze ist“

Immer genau jetzt (!) ist die Zeit, die Dinge zu hinterfragen. Und… es gibt eine Zeitspanne dafür,, in der die Regeln „gebrochen“ werden müssen, in der sämtliche übernommene Glaubenssätze in Frage gestellt werden. Eine äußerst wichtige Phase (3), welche unmittelbar nach der Pubertät beginnt! Sie ist eine bedeutende Voraussetzung für die soziale Eigenständigkeit und ebenso für die geistige Souveränität.

Denn das geistige Reifen setzt einen inneren (!) Abstand auch zu den Konventionen voraus.

Einwand: „Alle Grenzen sind Konventionen, die nur darauf warten, überwunden zu werden.“

Es genügt, wenn wir uns der Begrenzungen bewußt sind. Auch unser Körper ist eine Begrenzung, unsere Sinne begrenzen uns. Das Fühlen hat seine Grenzen, unser Denken hat seine Grenzen, die Erinnerung ist rudimentär….

Selbst der wildeste Revolutionär… zieht sich zuerst
mal eine Hose an, bevor er draußen etwas umwirft!

Das gilt auch für den Anarchisten: Der Spießer in ihm zeigt sich auf den zweiten Blick.

Wir alle (!) beachten Gesetze, Regeln, Normen, Konventionen, Übereinkünfte, Gepflogenheiten. Die Frage ist bloß, ob wir uns jeder einzelnen Masche dieser Netze bewußt sind.

Der Revoltierende kokettiert noch mit der Zerstörung, doch der Revolutionär hat den Entwurf eines möglicherweise noch engeren Netzes bereits in der Hosentasche.

An den Regeln ist prinzipiell nichts verkehrt – nur müssen sie zum Wohl der Gemeinschaft permanent justiert werden, denn:

Regeln haben nicht per se einen Wert.
Nur als vernünftig ordnende Struktur.

So wie auch die Kochtöpfe keinen Wert aus sich selbst heraus haben, sondern bloß hilfsweise… als Mittel zur Zubereitung leckerer Speisen.

Einwand: „Nur wer hinterfragt, erkennt … wer Fragen stellt und dem Bauch zuhört“

Ja, Hinterfragen fördert die Intelligenz.
Nicht zu verwechseln mit Hinterlesen!

Das mit dem Bauch ist aber so eine Sache, denn hier werden gerne mal so unterschiedliche Beweg-Gründe wie Intuition, Instinkt, Emotion und Ego miteinander verwechselt.

Auch hier braucht es Wachheit
und Unterscheidungsvermögen.

Einwand: „Ist es nicht einfach bequemer, anderen das Denken zu überlassen?“

Dazu empfehle ich dieses -> Zitat vom Herrn  Kant  📌

Einwand: „Sich dem „Gewohnten“ unterwerfen um des lieben Friedens willen, ist das noch der Sinn der Sache?“

Als Einsiedler setzt du dir ganz allein die Regeln.

In einer Gemeinschaft tragen – bewußt oder unbewußt – alle Beteiligten zum Regelwerk bei. Das kannst du in jeder Familie studieren. Man spricht hier auch von: „Kompromisse machen“. Wem die Maschen der Regeln zu eng sind, lamentiert oder zieht aus, läßt sich scheiden oder wechselt die Kirche, usw…

Doch in jeder neuen Beziehung stricken wiederum alle Beteiligten…

O.k., man kann das Land verlassen, aber:
Im Land deiner Wahl gibt´s auch Regeln.

Einwand: „Reichen für ein gutes Miteinander nicht beispielsweise einfache Regeln wie es die 10 Gebote sind?“

Es ist eine Frage der Geistigen Reife der Beteiligten: Reife Menschen brauchen nicht einmal eines dieser zehn Gebote.

Schwingen die (meisten) Mitglieder einer Gruppe oder die Bürger eines Landes auf den Frequenzen der Liebe, statt auf den niedrigen des Egoismus, braucht es nicht viele Regeln. Das ist hier derzeit aber eher nicht der Fall.

Daß der Moses auf den Sinai klettern mußte, um die nötigsten Gebote in Steintafeln zu ritzen, spricht auch nicht gerade für einen hohen Reifegrad seiner Leute.

Zudem mußte er sich noch den Trick ausdenken, Gott habe sie geschrieben – weil seine Autorität allein wohl nicht ausgereicht hätte, das Schlimmste zu verhindern. Also mußte die kollektive Vorstellung eines externen (zornigen) Gottes zur Unterstützung herhalten.

Einwand: „Warum müssen es dann komplizierte Sachen in Gesetzestexten sein, wo oft selbst Anwälte nichts mehr verstehen?“

Die Juristen kommen damit schon zurecht, aber es wird zu viel und zu schnell geklagt.

Ginge es nach mir…, gäbe es überwiegend Mediation, an der sich alle Beteiligten konstruktiv zu beteiligen haben. Das Streiten als solches sollte (anders als heute) geächtet sein. Nur in schweren, in Ausnahme-Fällen sollten Richter bemüht werden (dürfen).

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Es geht also darum, Eigenwohl und
Gemeinwohl in Balance zu bringen.

Mein Wohl und selbstverständlich auch das meines Nächsten… in Balance halten wollen.