Der Baum

Der Baum.jpgIch habe einmal von einem uralten Baum gehört,
dessen Krone so gewaltig war, daß seine Zweige bis in den Himmel reichten. Zu seiner Blütezeit tanzten die buntesten Schmetterlinge um ihn herum, und wenn er Früchte trug, kamen seltene Vögel aus fernen Ländern, um in seinem Laub zu singen. Seine Zweige waren wie ausgestreckte Hände, die alles segneten, was sich in seinem Schatten niederließ, und ganz besonders liebte er einen kleinen Jungen, der jeden Tag kam, um zu seinen Füßen zu spielen.

Das Große kann das Kleine lieben, wenn das Große nicht um seine Größe weiß. Der Baum wußte nicht, daß er groß war; nur der Mensch stellt solche Vergleiche an. Nur der Mensch bildet sich ein, groß zu sein, weil er ein großes Ego hat. Aber in den Augen der Liebe ist niemand groß oder klein. Liebe ist allumfassend und kennt keine Unterschiede, Liebe liebt, was immer sich ihr nähert.

Also entwickelte der Baum eine tiefe Liebe zu dem kleinen Jungen, der in seiner Nähe spielte. Seine Zweige wuchsen hoch in die Luft, aber er beugte sich tief zu dem Jungen herab, so daß er seine Blüten und Früchte erreichen konnte, um sie zu pflücken.

Liebe ist jederzeit bereit, sich niederzubeugen. Das Ego ist nie dazu bereit. Wenn du dich einem Ego um Liebe bittend näherst, streckt es seine Nase noch höher in die Luft und macht sich noch steifer, so daß es vollends unmöglich ist, ihm nahezukommen.

So neigte der Baum seine Äste dem spielenden Kind entgegen und freute sich, wenn es seine Blüten pflückte. Sein ganzes Wesen war vom Glück der Liebe zu ihm erfüllt.

Liebe ist immer froh und glücklich, etwas geben zu können; das Ego ist immer froh, wenn es etwas nehmen kann.

Der Junge wuchs heran; manchmal schlief er im Schoße Baumes, manchmal aß er seine Früchte und manchmal flocht er eine Krone aus seinen Blüten und spielte „Dschungelkönig“.

Man wird zu einem König, wenn die Blumen der Liebe in einem aufblühen und zum armseligen Bettler, wenn das Ego mit seinen Dornen überall aneckt.

Der Baum war überglücklich zu sehen, wie der kleine Junge die Krone trug und herumtanzte. Er nickte gutmütig und ließ seine Blätter liebevoll im Wind rauschen, um seinen Tanz mit Musik zu begleiten. Als der Junge größer wurde, begann er, den Baum hinaufzuklettern und in seinen höchsten Zweigen zu schaukeln. Der Baum war selig, wenn er sich in seinen Zweigen ausruhte.

Liebe ist immer glücklich, jemandem eine Freude zu machen; das Ego freut sich immer, wenn es jemandem das Leben schwer machen kann.

Mit der Zeit hatte der Junge andere Dinge zu tun, als in seinem Baum zu spielen. Er wurde ehrgeizig. Er mußte Prüfungen bestehen, traf sich mit seinen Freunden, unterhielt sich, ging mit ihnen spazieren, und so kam er nur noch selten. Aber der Baum wartete immer sehnsüchtig auf sein Kommen und rief aus tiefster Seele: „Komm, komm, ich warte auf dich.“

Liebe wartet Tag und Nacht.

Und so wartete der Baum und war traurig, daß der Junge nicht kam.

Liebe trauert, wenn sie nicht teilen kann. Liebe ist dankbar, wenn man sie entgegennimmt und am glücklichsten ist sie, wenn sie sich vollkommen bis zur Neige hingeben kann.

Je älter der Junge wurde, desto seltener kam er zu dem Baum.

Ein Mensch, der in der Welt erfolgreich ist, dessen Ehrgeiz immer größer wird, findet immer weniger Zeit für die Liebe.

Der Junge war jetzt völlig damit beschäftigt, eine große Karriere zu machen. Als er eines Tages zufällig vorüberging, sagte der Baum: „Ich warte Tag und Nacht auf dich, aber kommst nie mehr.“ „Wozu sollte ich zu dir kommen? Was hast du schon? Ich brauche Geld. Hast du vielleicht welches?“

Das Ego hat immer ein Motiv. Das Ego tut nur Dinge, die einen bestimmten Zweck erfüllen. Liebe kennt keine Motive. Liebe ist sich selbst der Lohn.

Der Baum war erschrocken und sagte: „Du kommst nur noch, wenn ich dir etwas geben kann?“

Wenn man etwas zurückhält, liebt man nicht. Liebe gibt bedingungslos. Nur das Ego hält zurück, stellt Bedingungen und hortet so viel, wie es kriegen kann.

„Wir Bäume leiden nicht unter dieser Krankheit“, sagte der Baum, „und sind unseres Lebens froh. Wir blühen im Frühling und tragen Früchte im Herbst, aber wir haben kein Geld. Und trotzdem kommen die Vögel und singen in unseren Zweigen. Wenn wir anfangen würden, nach Geld zu suchen, müßten wir auch in die Tempel gehen wie ihr armen Menschen und lernen, wie man seinen Frieden und seine Liebe wiederfindet. Nein, wir brauchen kein Geld.“ „Ja, was soll ich dann bei dir“, fragte der Junge. „Ich gehe dahin, wo ich zu Geld kommen kann, denn das ist es, was ich brauche.“

Das Ego braucht Geld, weil es Macht haben will.

Der Baum dachte einen Augenblick lang nach und sagte dann: „Mein Liebling, gehe nirgendwo anders hin, pflücke meine Früchte ab und verkaufe sie auf dem Markt. So kommst du zu Geld.“ Die Miene des Jungen erheiterte sich sofort. Er kletterte auf den Baum und pflückte alle Früchte ab, selbst die unreifen schüttelte er vom Baum. Der Baum war glücklich, auch wenn einige seiner Äste abgebrochen und viele seiner Blätter zu Boden gefallen waren.

Auch gebrochen zu werden, macht die Liebe glücklich, während das Ego nicht glücklich ist, selbst, nachdem es etwas erhalten hat, denn das Ego verlangt immer nach mehr.

Der Baum merkte gar nicht, daß der Junge sich kein einziges Mal nach ihm umdrehte, als er fortging. Er hatte seinen Dank erhalten, als der Junge sein Angebot annahm. Lange Zeit kam der Junge nicht zurück. Er hatte Geld mit den Früchten des Baumes verdient und war damit beschäftigt, mehr Geld daraus zu machen. Er vergaß den Baum völlig. Jahre vergingen und der Baum weinte und wartete sehnsüchtig auf den Jungen wie eine Mutter, die ihr Kind verloren hat. Sein ganzes Wesen war vom Schmerz der Sehnsucht erfüllt. Nach vielen, vielen Jahren, als der Junge schon längst ein erwachsener Mann geworden war, kam er wieder einmal zu dem Baum. „Komm, mein Junge,“ sagte der Baum entzückt. „Komm, lege deine Arme um meinen Stamm.“ „Hör auf mit dieser Gefühlsduselei“, sagte der Mann. „Das war einmal, als ich noch ein Kind war.“

Das Ego betrachtet Liebe als Schwachsinn, als eine kindische Schwärmerei.

Aber der Baum bat ihn: ,,Komm, schwing dich hinauf in meine Zweige und spiele noch einmal mit mir.“ Der Mann sagte: „Laß dieses Geschwätz. Ich muß ein Haus bauen und weiß nicht wie. Kannst du mir ein Haus besorgen?“ Der Baum rief: „Ein Haus? Ich selbst habe kein Haus! Nur die Menschen leben in Häusern. Kein anderes Wesen würde es aushalten. Und was passiert, wenn er lange zwischen seinen vier Wänden gelebt hat? Je größere Häuser er sich baut, desto kleiner und armseliger wird er. Wir leben nicht in Häusern. Aber du kannst meine Äste abschneiden und versuchen, daraus ein Haus zu bauen.“ Der Mann verlor keine Zeit, er holte eine Axt und schlug ihm alle Äste ab. Jetzt war der Baum nur noch ein kahler, nackter Stamm.

Aber die Liebe kümmert sich nicht um Verluste. Selbst wenn ihr alle Glieder für den Geliebten abgeschnitten werden, gibt sie sich hin. Liebe ist immer bereit, zu geben.

Der Mann baute sein Haus, ohne sich auch nur einmal bei dem Baum zu bedanken, lebte darin, und so vergingen wieder viele Jahre, ohne daß er kam. Der Baum wartete und wartete. Er wollte nach ihm rufen, hatte aber weder Zweige noch Blätter, die ihm die Kraft dazu hätten geben können. Der Wind wehte, aber er war noch nicht einmal fähig, dem Wind mit seinen Zweigen eine Botschaft zuzuflüstern und trotzdem hallte in seinem Inneren nur das eine Gebet wieder: „Komm, mein Liebling, komm.“ Aber nichts geschah. Die Zeit verging, und der Mann war nun alt geworden. Eines Tages kam er und stellte sich neben den kahlen Stamm. „Ich bin so glücklich, daß du nach langer, langer Zeit zurückgekommen bist,“ flüsterte der Baum. „Was kann ich für dich tun?“ Der alte Mann sagte: „Ich will in ferne Länder reisen, um mehr Geld zu verdienen und brauche ein Boot.“ Voller Freude sagte der Baum: „Aber das ist kein Problem, mein Herz. Nimm meinen Stamm und baue ein Boot daraus. Du machst mich glücklich, wenn ich dir helfen kann, in ferne Länder zu reisen, um zu bekommen, was du haben willst. Aber ich werde immer sehnsüchtig darauf warten, daß du zu mir zurückkommst.“ Der Mann sägte den Stamm des Baumes ab, machte ein Boot daraus und segelte davon. Jetzt ist der Baum nur noch ein kleiner Stumpf und wartet darauf, daß er zurückkommt.

Er wartet vergebens; der Mann wird nie zurückkommen, denn das Ego geht nur dahin, wo es etwas zu holen gibt, und der Baum hat nichts mehr, absolut nichts mehr zu geben. Das Ego ist ein ewiger Bettler, der immer nur fordern kann. Liebe ist ein König und gibt verschwenderisch. Es gibt nichts Königlicheres als die Liebe.

Eines Abends ruhte ich mich in der Nähe dieses Stumpfes von einem Spaziergang aus, und er flüsterte mir zu: „Kennst du meinen Freund? Er ist noch immer nicht zurückgekommen, und ich mache mir Sorgen, daß er vielleicht im Meer ertrunken oder in fernen Ländern umgekommen ist. Hast du irgendetwas von ihm gehört? Mein Leben geht zu Ende, und wenn ich Nachricht von ihm hätte, könnte ich glücklich sterben. Aber er kommt wohl nie mehr zurück zu mir, selbst wenn ich ihn rufen könnte. Ich habe nichts mehr, das ich ihm geben könnte, und er versteht nur die Sprache des Nehmens.“

Das Ego versteht nur die Sprache des Nehmens und Liebe nur die Sprache des Gebens.

Wenn euer Leben wie dieser Baum werden kann,
der seine Zweige in den Himmel streckt,
so daß alle darunter Schatten finden,
wenn ihr eure Äste niederbeugt,
so daß alle von euren Früchten essen können,
dann werdet ihr wissen…, was Liebe ist.“

– Osho (am 28. August 1968 in Bombay)

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Ein Kommentar zu “Der Baum

  1. Ja, wahre Liebe ist einfach alles. Nur, dass sie als Mensch vergessen und nur als eine Utopie angeschaut wird. Weil sie die Mächtigen vergessen und außer Kraft setzen, so sind sie doch ohnmächtig. Denn Weltmacht ist Ohnmacht.

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